Diplomatisches Wetter. Oder: was ist die Ursache für die Absage von Karnevalsumzügen?

Nachdem eine angebliche „Anonymus“-Seite bei Facebook einen ebenso angeblichen Geheimdienstbericht von einem geplanten islamistischen Anschlag auf den Düsseldorfer Faschingsumzug veröffentlicht hatte, wurde der Eintrag von Facebook gesperrt.

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Was eine „diplomatische Grippe“ ist, wissen wir schon seit 1920, als der Begriff zum ersten Mal in einem Wörterbuch auftauchte. Erklärung: Aus diplomatischen Gründen vorgeschobene Erkrankung.

Seit heute wissen wir , was „diplomatisches Wetter“ ist.

Wegen des Sturmtiefs “Ruzica” hätte man von Mainz bis Düsseldorf nicht anders gekonnt, als den Rosenmontagsumzug heute abzusagen, versichern uns derzeit viele Medien in zahlreichen Artikeln.

Nur einer tanzt bis jetzt aus der Reihe, der Wetterexperte der ARD, der durch sein ganz eigenes Metier wahrscheinlich noch nicht mit den neuen Richtlinien, die man zur Silversternacht in Köln konsequent durchzog, vertraut ist. In einem Tweet beim Kurznachrichtendienst Twitter ließ er wissen: „Absage #Düsseldorf – für mich ein Rätsel“ – wenn überhaupt sei ein Unwetter erst gegen Abend zu erwarten.

Nachtrag: Selbst dem Deutschen Wetterdienst wurde es im Nachhinein unheimlich:

„Es waren Wetterwarnungen, keine Unwetterwarnungen,” verteidigt sich der Deutsche Wetterdienst laut Welt. http://www.welt.de/vermischtes/article152020819/Wetterdienst-verteidigt-Warnungen-am-Rosenmontag.html Dabei geht unter: Nicht der Wetterdienst hat die Umzüge abgesagt – sondern die Veranstalter. Sie tragen die Verantwortung. Wieviel können, vermögen sie zu tragen? Und das in einer Zeit, in der die Unsicherheit wächst, die Sicherheitsdienste tatsächlich vor vagen Bedrohungen warnen und damit die Entscheidet auch alleine lassen, und “Köln”  zum Synonym für plötzlich ausbrechende Gewaltorgien geworden ist. Da nehmen manche lieber eine Grippe; menschlich verständlich ist das. Diesmal ist heute, am Aschermittwoch, allerdings nicht alles vorbei. Die Angst regiert auch in der Fastenzeit, in der allerdings größere Veranstaltungen nicht stattfinden. In den vergangenen Jahren war das kritisiert worden als weiter bestehende Definitionsmacht der Kirchen in einem weltlichen Staat. Jetzt sind alle froh über Tanzveranstaltungen, die gar nicht erst stattfinden. (rty)

Waren es zu ängstliche Fehlentscheidungen in einer aufheizten Stimmung, in der sich Wetter mit Terrorangst vermischt?

 Auch andere Zusammenhänge erhärten den Verdacht auf diplomatisches Wetter, ohne dass man dabei komplizierte Verschwörungstheorien kultivieren müsste:

So wurde der Mainzer Umzug wegen Sturmwarnung drei Stunden nach einer Razzia in der Nähe von Mainz bei einem mutmaßlichen IS-Kommandeur abgesagt.

Den Düsseldorfer Umzug ereilte ein ähnliches Schicksal, nachdem eine angebliche „Anonymus“-Seite bei Facebook einen ebenso angeblichen Geheimdienstbericht von einem geplanten islamistischen Anschlag auf den Düsseldorfer Faschingsumzug veröffentlicht hatte.

Kurz nach Absage des Faschingsumzugs in einer der Metropolen rheinischen Frohsinns, war dann auch auf Facebook Schluss mit lustig. Facebook sperrte die Seite kurzerhand.

Eine hervorragend ins Konzept der Sicherheitsexperten passende Sturmwarnung ereilte auch den Duisburger Karnevalszug. Hier kam das Wetter insofern zupass, als die für Duisburg eingeplanten Sicherheitskräfte – nach Informationen der „Welt“ – nun nach Köln „verschoben“ werden konnten. Einer meiner Informanten, der dort für mich den Karneval live und an Ort und Stelle beobachtet, berichtet gerade: „Die Stadt gleicht seit Tagen einer Polizeifestung“. In Köln soll jetzt bewiesen werden, dass nicht ist, was nicht sein darf. In Düsseldorf gab es im Vorfeld Zoff um einen Türkei-kritischen Motivwagen. (siehe unten).

Die Wetterprognose mag tatsächlich ungünstig gewesen sein, aber dass deshalb ein großer Karnevalszug nach dem anderen abgesagt wurde, ist kaum glaubhaft. Auch wenn es noch keiner so recht schreiben will, aber all das riecht nach massiven Terrordrohungen. Sollen wir erst mal nicht wissen, was uns verunsichern könnte?

Die Frage nach dem Wetter wird politisch. Wer auch nur die Entscheidung hinterfrägt, offenbart sich als Verschwörungstheoretiker. Das Misstrauen regiert. Jetzt zeigt sich das Gift der geschönten Informationspolitik von Polizei und Behörden nach Köln: Viele halten alles für möglich. Eine Gesellschaft versinkt im Sumpf einer tatsächlichen oder auch nur vermuteten Desinformationspolitik.

Alle Bilder: WDR

Nach den Bilder geht´s weiter mit dem lustigen Wetterfrosch.

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post skriptum: Um 15:31 – die Umzüge sind vorbei – twittert Kachelmann, dass Ruzica ganz schlimm wird. Und schon mosern die üblichen Verdächtigen, unsere Darstellung stimme nicht. Da lohnt doch der Hinweis auf die ARD-Wetterstimme oben, dass es – wenn überhaupt – abends unangenehm werden kann. Wie es um 15:52 Uhr in Düsseldorf aussah, sehen Sie unten. Fragt mal alte Karevalsjecken, bei welchem Shit-Wetter sie in all den Jahrzehnten schon unterwegs waren. Warum heute Diplomatisches Wetter war, wetten wir, kommt noch raus? Weil sich auf Dauer (fast) nichts mehr verheimlichen lässt.

 

 

Da sah es so aus: Bild aus Düsseldorf 15:52 Uhr:

Nachtrag Aschermittwoch: Von den Fakten kalt erwischt konstruiert Jörg Kachelmann, der, eine Verschwörungstheorie; schließlich ist, wer auch nur Entscheidungen hinterfrägt, im neuen deutschen Weltbild der Glauber schon ein Rechter:  “Vergessen Sie nicht: Der Reichswetterdienst war nicht besser. Damals, der Winter 42/43. Wurde nicht so mild wie gedacht.”

In Deutschland 2016 ist eben die Frage nach der Entscheidung über eine Zugabsage schon ein politisches Statement.

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Kommentare {26}

  1. Wow, das hat ja hier das Niveau von “Heute ist es aber ganz schön kalt. Also alles Lüge mit dem Klimawandel.” Ansonsten lege ich allen Kommentatoren mal das Buch “The black Swan” von Nassim Nocholas Taleb (geht um Finanzcrash 2008, nicht Islamismus…) ans Herz: Nur weil Sie es noch nicht gesehen haben, heißt das nicht, dass es nicht kommen kann – und dann wird es richtig heftig.

  2. Also wenn das ein Sturm gewesen sein soll … das grenzt ja schon an Sturmverhetzung und gehört angezeigt. Das kam einer Beleidigung von jedem anständigen Sturm gleich.
    Mal ernsthaft wenn dies der neue Maßstab gewesen sein soll, werden wir nicht mehr viele Karnevalsumzüge erleben.

  3. Hui, so so, “vorausgesagte” Windböen zwischen 80-100 km/h.
    Aktuell 22km/h SO in Offenbach und der OF-Bürgerler Umzug findet nicht statt.

    Was machen bloß die “Veranstalter” der Kommunalwahlen in Hessen, wenn am Wahlsonntag ähnliche (Wetter-)Verhältnisse herrschen? Auch dann bestünde ja die abstrakte Gefahr, das ein Wähler auf dem (Fuß-)Weg ins Wahllokal von einem herabfallenden Dachziegel getroffen werden könnte.
    Dieses Risiko will doch niemand eingehen, oder?

    1. Außergewöhnliche Herausforderungen rufen nach flexiblen Antworten.

      Man nimmt das letzte Politbarometer-Beliebtheitsskala-Sonntagsfragen-Umfrageresultat eines regierungsnahen, amtlich-zertifiziert-unabhängigen, nur seinem Auftrags-Brötchengeber gegenüber völlig unabhängigen Umfrageinstituts und verkündet dies um 18 Uhr in einem schönen farbigen Balkendiagramm, lässt dieses im Laufe des Abends leicht in festgesetzten Grenzen oszillieren, und fertig ist die alte neue GroKo.

  4. Es erinnert an das Gehabe totalitärer Staaten- die irgendwelche Pseudo Gründe vorschoben, um das dumme Volk ruhig zu halten.